Franz Josef Degenhardt - Notar Bolamus Songtext

Die zwischen den Zeilen
Widerstand leisteten,
damals,
die sich zurückzogen
in das Reich Beethovens,
damals,
und dann wieder herauskamen
und immer noch schreiben,
die heben jetzt mahnend die Stimme:
Maßhalten, sagen sie, maßhalten,
ihr Polizisten,
maßhalten, ihr Studenten,
maßhalten,
ihr Exploiteure und Gouverneure,
maßhalten,
ihr Arbeiter, Chinesen und Neger,
maßhalten, ihr Mörder,
maßhalten, ihr Opfer.

Der alte Notar Bolamus,
der muss weit über neunzig sein,
macht täglich noch einen Spaziergang,
trinkt sonntags ein Schöppchen Wein,
liest immer noch ohne Brille
die Zeitung, die er seit jeher las,
aber nur noch die Todesanzeigen,
und er hat dabei seinen Spaß.
Er kichert und kratzt sich
in Greisenlust zwischen den Zehen.
"Zu leben", sagt er,
das muss man eben verstehen."

Der alte Notar Bolamus,
der hat das richtige Rezept,
wie man so alt wie er wird
und immer noch weiterlebt.
Und erzählt 's am Stammtisch
auch jedem, der's hören will.
"Das ist es", sagt er, "alles ganz
einfach mit Maß und mit Ziel.
Und niemals, Verehrtester,
irgendwas übertreiben.
Dann wird jedes Organ
und alles in Ordnung bleiben."

Der alte Notar Bolamus
hat so gelebt, wie er sagt.
Hat ein bisschen geraucht und getrunken,
ein bisschen an allem genascht, ein bisschen an allem genagt,
ein bisschen geschafft, ein bisschen gezeugt,
ein bisschen Vermögen gemacht.
Und manchmal ist er am Morgen sogar
ein bisschen erschrocken erwacht.
Ja, der alte Notar Bolamus
hat nie etwas übertrieben.
Und darum ist er auch bis heute
so gesund geblieben.

Der alte Notar Bolamus
hat sich gut durch die Zeit gebracht,
weil: er war immer ein bisschen dafür
und immer ein bisschen dagegen, und er gab immer acht.
"Nur Auschwitz", sagt er, "das
war ein bisschen zu viel."
Und er zitiert seinen Wahlspruch:
"Alles mit Maß und mit Ziel."
Ja, sein Urteil war immer
sehr abgewogen.
Und darum ist er auch bis heute
um nichts betrogen.

Der alte Notar Bolamus
muss weit über neunzig sein,
macht täglich noch seinen Spaziergang,
trinkt sonntags sein Schöppchen Wein.
Und jetzt nehmen wir mal an, er kommt einmal
dann doch zu dem, den er Herrgott nennt,
eine Mischung aus Christkind
und Goethe und Landgerichtspräsident.
Und dieser, der täte ihn schließlich
dann auch noch belohnen.
Mal ehrlich, Kumpanen,
wer von uns möchte da wohnen?
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