Stationen: Lieder Von 1963-1988 Album

Wenn der Senator erzählt Lyrics Franz Josef Degenhardt

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Franz Josef Degenhardt - Wenn der Senator erzählt Songtext

Ja, wenn der Senator erzählt.
Das ist der, dem das ganze Wackelsteiner Ländchen gehört
und alles, was darauf steht.
Wie der angefangen hat:
Sohn eines Tischlers,
der war schon mit 40 Invalide,
alle Finger der rechten Hand unter der Kreissäge.
Mit fünf Jahren schon ist der Senator jeden Tag
von Wackelrode nach Hohentalholzheim gelaufen,
zwölf Kilometer hin
und zwölf Kilometer zurück.
Und warum?
Weil in Wackelrode ein Liter Milch zweieinhalb Pfennig gekostet hat,
in Hohentalholzheim aber nur zwei Pfennig,
und diesen halben Pfennig durfte der Bub behalten.
Das hat er auch getan, zehn Jahre lang -
von Wackelrode
nach Hohentalholzheim,
von Hohentalholzheim
nach Wackelrode.
Und nach zehn Jahren, da hat sich der Senator gesagt:
"So" Hat das ganz Geld genommen,
ist hergegangen
und hat das erste Hüttenwerk
auf das Wackelsteiner Ländchen gestellt.
Ja, wenn der Senator erzählt.

Dann 14/18, der Krieg.
Und hinterher, da hat sich der Senator gesagt:
"So, jetzt ist der Krieg verloren,
was ist dabei rausgekommen?
Gar nichts."
Und dann hat er sein Geld genommen
und Grundstücke gekauft.
Hier eins, da eins.
und dann kam die Arbeitslosigkeit, dann Adolf.
Ja, und 34, da gehörte ihm praktisch das ganze Wackelsteiner Ländchen.
Und dann hat er noch ein Hüttenwerk
auf das wackelsteiner Ländchen gestellt.
Das waren dann schon zwei,
das alte Wackelsteiner Hüttenwerk
und das neue Wackelsteiner Hüttenwerk.
Und mitten im Krieg, in schwerer Zeit,
hat er noch ein Hüttenwerk
auf das Wackelsteiner Ländchen gestellt.
Ja, wenn der Senator erzählt.

Und dann 45, ausgebombt, demontiert.
Da hat sich der Senator gesagt:
"So, der Krieg ist verloren.
Was ist dabei rausgekommen?
Gar nichts."
Und er war froh,
dass er wenigstens noch das Wackelsteiner Ländchen hatte
und seine treuen Bauern;
hier einen Schinken, dort einen Liter Milch.
Und so konnte man ganz allmählich wieder anfangen.
Aber dann 48, Währungsreform.
Da stand der Senator
wie jeder von uns da, mit vierzig Mark auf der Hand.
Und was hat er damit gemacht?
Etwa ein viertes Hüttenwerk
auf das Wackelsteiner Ländchen gestellt?
Nein. Auf den Kopf gehauen
in einer Nacht.
Und als er dann morgens auf der Straße stand,
neblig war's und kalt,
da musste der Senator plötzlich so richtig lachen.
Er hatte eine gute Idee:
"Wie wäre es", sagte sich der Senator,
"wenn man aus dem Wackelsteiner Ländchen
ein Ferienparadies machen würde?"
Gesagt, getan.
Verkehrsminister angerufen - alter Kumpel aus schwerer Zeit.
Ja, und dann ist aus dem Wackelsteiner Ländchen
das Wackelsteiner Ländchen geworden,
wie es heute ein jeder kennt.
Und dann hat der Senator noch ein Hüttenwerk
auf das Wackelsteiner Ländchen gestellt.
Ja, wenn der Senator erzählt.

Aber dann wird er traurig, der Senator.
"Und wissen Sie was", sagt er dann,
"die waren damals doch glücklicher,
die Leute.
Wie ich angefangen habe:
Sohn eines Tischlers,
der war mit vierzig schon Invalide,
alle Finger der rechten Hand unter der Kreissäge.
Mit fünf Jahren schon bin ich jeden Tag
von Wackelrode nach Hohentalholzheil gelaufen,
zwölf Kilometer hin
und zwölf Kilometer zurück.
Und warum?"
Ja, wenn der Senator erzählt.
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