Biografie

Wer auf Löcher-in-die-Schädeldecke-fressenden Humor steht, dürfte sich mit Helge Schneiders Platten köstlich amüsieren. Oder live mit einer seiner Bands, z.B. den "alten Wurstgesichtern mit den unterlaufenen Augen und den unter den Achseln kneifenden, zu engen Jäckchen". Oder im stillen Kämmerlein mit einem seiner Krimis oder einem seiner Filme.

Großes Können und absoluter Nonsens, mit diesen Gegensätzen arbeitet der am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr geborene Schneider. Seine Jugend verbringt Helge nach eigener Aussage mit schnödem Heranwachsen und Älter werden, wie die anderen auch. Wie es sich als zukünftiger Musiker gehört, erklimmt er mit Fünf zum ersten Mal einen Klavierhocker und übt sich mit Sieben die Finger am Cello blutig.

Mit 16 trennt sich Helge in gegenseitigem Einvernehmen und ohne Abschluss vom Gymnasium, um eine Bauzeichnerlehre zu beginnen. Bereits ein Jahr später besteht er die Sonderbegabtenprüfung am Duisburger Musikkonservatorium. Seine Lehrjahre verbringt er dennoch nicht ausschließlich hinterm Flügel. Er widmet sich ausgiebig weltlichen Dingen: Verkäufer bei Neckermann, Bürohengst, Staplerfahrer und Landschaftsgärtner sind nur die Highlights seiner außermusikalischen Aktivitäten.

Mit 22 Jahren zeigen sich seine Präferenzen deutlicher. Ab 1977 ist er ausschließlich als Musiker tätig. Bandprojekte (Schneider/Weiss Duo aka El Snyder & Charly McWhite), Radio- und Fernsehaufnahmen, Stummfilmbegleitungen, Kompositionsaufträge und die Schauspielerei (u.a. mit Christoph Schlingensief) sorgen für seinen Lebensunterhalt. Es dauert jedoch weitere 7 Jahre bis Helge mit einem eigenen abendfüllenden Programm an den Start kommt. Um von Zeitungsmenschen nicht als Kabarettist klassifiziert zu werden, bezeichnet sich Helge darin als "die singende Herrentorte".

1989 veröffentlicht er seinen ersten Tonträger mit dem altersweißen Titel "Seine größten Erfolge". Angefressen von der Schallplattenindustrie beehrt er uns seither mit seinen durchgeknallten Audiokreationen. 1992 folgt der endgültige Durchbruch mit dem fünften Album "Guten Tach". Ein Jahr später gelangt über dunkle Kanäle sein erster Film "Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem" in die Kinos. Mit "Es gibt Reis, Baby", seinem siebten Album, feiert er auf einer ausverkauften 6-Monats-Tournee ein ausgedehntes humoristisches Gelage. Im Anschluss daran lässt er die Katze aus dem Sack, ... will sagen, schickt sie aufs Pissoir. "Katzeklo" erobert die Republik und macht ihn zu einer Ikone unter den Herrentorten. Nebenher verfasst er sein erstes Buch "Zieh dich aus, du alte Hippe" und dreht seinen zweiten Film "00Schneider - Jagd auf Nihil Baxter".

Mitte der 90er schenkt ihm seine Plattenfirma eine erste goldene Schallplatte und wünscht sich im Gegenzug ein neues Album von ihm. Mit "Es rappelt im Karton" und der dazugehörigen "Comeback"-Tournee kommt er den Wünschen seiner Brötchengeber nach. Nebenher kann er das filmen ("Praxis Dr. Hasenbein") und schreiben ("Der Mörder mit der Strumpfhose") nicht lassen. In Walter Moers Zeichentrickfilm "Kleines Arschloch" leiht er dem "Alten Sack" seine Stimme. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1997. Helge veröffentlicht die Doppel-CD "Da Humm", auf der er u.a. "Fitze Fitze Fatze" zum Besten gibt. Seiner 7-köpfigen Tourband verleiht er den prägnanten Namen "Helge Schneider & die alten Wurstgesichter mit den unterlaufenen Augen und den unter den Achseln kneifenden, zu engen Jäckchen".

Anschließend gelüstet es ihn, sich als Solokünstler in Szene zu setzen. "Der Tastengott kommt auf ein Tässchen Tee vorbei" wird erwartungsgemäß ein Erfolg. "Eiersalat - Eine Frau geht seinen Weg", sein neues Buch, erscheint 1999. Für die audiovisuelle Umsetzung sucht er sich richtig harte Jungs. Mit Tomas Alkier (dr), Eric St. Laurent (guit) und Thomy Jordi (bass) rekrutiert er drei Musiker, die sich dem harten Rock verschreiben und gründet mit ihnen die Band "Helge Schneider & The Firefuckers". Im Studio spielen sie die CD "Eiersalat in Rock" ein und gehen auf ausgiebige Tour, die Helge jedoch vor dem offiziellen Ende abbricht. "Zu laut Leute, ich will wieder lustig sein! Ich brauche mal wieder jemanden, der mit dem Besen Schlagzeug spielt und Orgel und so". Seine Liebe zum Jazz erweist sich als stärker denn die Muckis und Tatoos der Firefuckers. "Da habe ich mehr Freiraum und kann mehr improvisieren".

Im Millenniumsjahr wechselt Helge die Plattenfirma und veröffentlicht "Hefte raus - Klassenarbeit", einen weiteren Meilenstein seiner Karriere. Eine ausverkaufte Tournee und ein Buch ("Der Scheich mit der Hundehaarallergie") später hegt er wieder Solo-Gelüste: "Plautze voll".

"Out of Kaktus", seine 2003er CD, wartet u.a. mit "Helges Mörchen Lied" auf. Für die dazugehörige "Verzeih mir, Baby"-Tour engagiert er die Jazzgiganten Jimmy Woods (bass) und Pete York (dr). Außerdem widmet er sich ausgiebig dem Theater. Am Bochumer Schauspielhaus hat im selben Jahr sein Musical "Mendy - Das Wusical" Uraufführung. Es versteht sich von selbst, dass das Stück über Liebe, Intrigen, Neid, Kegeln und Polizei grandiose Erfolge bei Presse und Publikum feiert.

Am 30. August 2005 feiert Helge seinen 50. Geburtstag, was dem WDR eine kleine Gala wert ist. Immerhin 45 Minuten lang dürfen wir dem Großmeister durch seine Stadt Mülheim an der Ruhr folgen und uns dabei an seine Lippen hängen. Selbst alte Super-8-Urlaubsfilme mit Tante Erna kramt Schneider extra für das Special aus seinem Archiv. Um nicht aus der Übung zu kommen, gibt der Mann, der Anfang des Jahres mit "Globus Dei" einen fiktiven Reiseroman veröffentlichte, nebenbei wieder ein paar Konzerte. Beim Konzert in Köln Anfang September stimmt das Publikum spontan "Happy Birthday" für die lebende Comedy-Legende an.

Im Jahr 2006 übernimmt Helge die Hauptrolle in Dany Levis Film "Mein Führer - Die Wirklich Wahrste Wahrheit Über Adolf Hitler". Wer die Hauptperson der Geschichte ist, die Helge zu spielen hat, dürfte also klar sein. In der Komödie, für die auch Klaus Maria Brandauer verpflichtet wurde, erzählt Levy eine sehr überraschende Version der Geschehnisse Ende des Zweiten Weltkriegs im Führerhauptquartier.

Ende des Jahres lässt der Mühlheimer auch wieder musikalisch von sich hören. Mit der Single "Käsebrot" kehrt er am 8. Dezember kurz nach Nikolaus zurück. Darauf findet man auch ein informatives Audio-Making Of, in dem der Meister den elementaren Sinn des Songs erklärt. Am neuen Album bastelt Helge noch ein Weilchen, bis Anfang 2007 auch "I Brake Together" im Handel steht.

Während er mal wieder zu einer Endlos-Tournee aufbricht, schauen sich 800.000 Menschen den Führer-Film im Kino an, der anschließend sehr kontrovers und hitzig diskutiert wird. Dazu trägt auch Schneider selbst bei, der sich plötzlich in einem Interview vom fertigen Film distanziert.

Irgendwann im Laufe der 150 Konzerte fliegt Schneider der Slogan "Apokalüze Nau" zu und so benennt er begeistert sein Tourmotto um. In der Weihnachtszeit erscheint ein Livealbum unter dem selben Namen. Trotz den vielen Monaten auf der Straße und privatem Glück - Schneiders Lebensgefährtin Maria bringt das Mädchen Frieda zur Welt - gönnt sich Schneider keine Ruhepause. Über die Weihnachtsfeiertage schreibt er den Roman "Eine Liebe im Sechsachteltakt - Der große abgeschlossene Schicksalsroman von Robert Fork".

Im März kürt der Bundesverband Klavier das Multitalent auf der Musikmesse Frankfurt zum Klavierspieler des Jahres 2008. Preisträger der mit 2.000 Euro dotierten Ehrung waren in den Vorjahren u.a. der Politiker Otto Schily, Paul Kuhn und Götz Alsmann.
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